Sonntag, 15. April 2012

Freitag, 09. März 2012 Pausentag und der Finaltag!

Der Tag nach der langen Etappe. Ich erwachte wie immer pünktlich um 06:00 Uhr morgens. Jedoch konnte ich mich an diesem Morgen mit einem genüsslichen Gähnen nochmals auf der Matratze umdrehen, da ein Ruhetag auf dem Programm stand. Durch lautes Gelächter im Zelt erwachte ich ein zweites Mal exakt drei Stunden später. Meine Zeltmitbewohner erzählten sich Anekdoten der letzten Etappe und immer kam es zu grossem Gegröhle. Ich war froh, als ich in der Runde alle die mir bekannten Gesichter erblickte. Und in den Gesichtern zeichnete sich grosse Freude und Erleichterung ab. Es hatten alle die lange Etappe geschafft. Auch Ibrahim und Ilhan hatten es geschafft. Die Stimmung beim Frühstück war ausgelassen, da sich jeder über den freien Tag freute und sich entspannen konnte. Alle, bis auf Belinda. Sie musste zum letzten Checkpunkt zurück und die Strecke (10km) von dort nochmals laufen. Das Gewitter der vergangenen Nacht war hinter dem Bergpass noch heftiger als bei uns im Camp, so dass der Veranstalter kurzfristig handeln musste. Alle Teilnehmer, die noch im Rennen waren, wurden gegen 22 Uhr mit Bussen eingesammelt und zum Camp transportiert. Die Sicherheit der Teilnehmer war das oberste Gebot. Belinda durfte also am Freitagmorgen mit einem Kleinbus zurück zum letzten Checkpunkt fahren, um dann von dort zu Fuss bis ins Camp zu laufen!
Roberto und ich machten uns kurzerhand auf den Weg und liefen Belinda ein Stück entgegen, um ihre Motivation hoch zu halten. Jedoch war sie wie immer sehr fröhlich und positiv gestimmt und kam uns mit einem grinsenden Gesicht entgegen. Somit waren nun auch wirklich alle Zeltmitbewohner offiziell im Ziel angekommen und konnten sich entspannen.
Der Tag war sehr heiss und die Sonne brannte gnadenlos auf uns herab. Weder ein Windhauch war zu spüren noch ein Stück Schatten in Aussicht. Wir vegetierten vor uns hin. Der Schweiss lief am Rücken runter und die Fliegen um uns herum ärgerten uns erbarmungslos. Von der Hitze völlig geschwächt lagen wir in unseren Zelten und erzählten uns Geschichten. Oder versorgten die malträtierten Füsse. Oder bewegten uns im Zeitlupentempo zum Cypertent, um dort zuerst mindestens eine Stunde auf einen freien Laptop zu warten und dann die E-Mails zu lesen. Dieser Teil des Tages war immer sehr erheiternd! Es war extrem motivierend all die E-Mails mit positiven Worten zu lesen! Vielen, vielen Dank an dieser Stelle nochmals! Nach dem Besuch im Cypertent bin ich beim Medicaltent hängengeblieben und badete kurzerhand meine Füsse in einer kleinen Schüssel mit Wasser. Die Runde der „badenden Füsse“ wurde immer grösser und bald waren Stuart, Freddy, Joel und weitere Athleten mit intensiver Fusspflege beschäftigt. Zudem plauderten wir über Gott und die Welt und die Zeit verging relativ schnell. Gegen späteren Nachmittag zogen dann die ersten schattenspendeten Wolken auf und die Luft kühlte sich mit dem leichten Wind angenehm ab. Ich war mittlerweile damit beschäftigt, meinen Rucksack zu entrümpeln. Zur grossen Freude meiner Zeltmitbewohner präsentierte ich ihnen ungefähr 2kg Süssigkeiten in Form von Haribos, Bonbons und Riegeln. Und der absolute Knaller war der Parmesankäse und das hauchzarte Bündnerfleisch. Meine neuen Freunde aus England und Amerika hatten vorher noch nie von dieser Spezialität gehört und schauten mich aus weit aufgerissenen Augen an, als ich das Fleisch in Form von 50g Päckchen präsentierte. „What`s that? Flunderfleisch?“ Zuerst einmal mussten sie die Aussprache richtig lernen, was zur grossen Erheiterung führte. Und erst danach durfte jeder kosten. Nach dieser Verköstigung hätten mich meine Zeltbewohner sicherlich mit ihrem Leben vor jeglichen Feinden beschützt oder auf der Stelle geheiratet! Für mich war es ein schöner Moment, mit tollen Menschen etwas zu teilen und zu sehen, wie einfach alles sein kann. Den Moment geniessen und die Freude teilen. Danke an Belinda, Roberto, Richard, Alex, Fred, Stuart, Ibrahim, Ilhan und Joel aus dem Nachbarzelt, der immer gerne mit uns Zeit verbrachte. Der Tag endete mit guten Gesprächen und in den Gesichtern aller war grosse Erleichterung abzulesen. Denn der nächste und letzte Tag sollte mit knapp 7 Kilometern eine einfache Etappe werden. Meine Nerven spielten mir in dieser letzten Nacht allerdings einen Streich. Meine Gedanken drehten sich gebetsmühlenartig um mögliche Eventualitäten, die noch eintreffen und meinen Sieg gefährden könnten. Mein Vorsprung auf die zweitplatzierte Australierin betrug mehr als 60 Minuten.  Es hätte also schon etwas wirklich Gravierendes passieren müssen. Meine Phantasie schwenkte zwischen: verschlafen; das Zelt stürzt ein und erschlägt mich; umknicken; einfach nicht ankommen; Übelkeit und Durchfall usw. In dieser Nacht machte ich kaum ein Auge zu, so aufgeregt war ich.

Samstag, 10. März 2012
Der Start zur letzten Etappe erfolgte um 10:00 Uhr. Im Zeltlager herrschte eine ausgelassene und fröhliche Stimmung. Alle waren guter Laune und als Alina die Distanz der Etappe verkündete, brachen alle in Freudentaumel aus. Ursprünglich hätten wir 14km laufen sollen; diese Distanz wurde aber aufgrund wettertechnischer Umstände auf 7km gekürzt und alle freuten sich riesig!
Die letzten Fotos wurden aufgenommen, alle umarmten sich und dann ging es auch schon zur Startlinie der letzten Etappe des Atacamacrossings 2012. Ich hatte unglaubliche Gefühle im Bauch: Aufregung, Kribbeln, Nervosität, Befangenheit. Der Startschuss erfolgte und ein irres Schauspiel ging los: Mein Zeltmitbewohner Freddy zeigte es uns allen: Er sprintete als Erster los und hielt das hohe Tempo ungefähr eine Minute rasant schnell, ehe er fix und fertig zusammenbrach. Die Show hatte er für sich gewonnen. Wahnsinn! Aber auch alle anderen waren im Lauffieber und zündeten die Turbos der letzten Energiereserven. Das Tempo war sehr schnell und bereits nach den ersten zwei Kilometern war ich so ausser Atem, dass ich glaubte, es nicht mehr bis zur Ziellinie zu schaffen. Dabei waren es nur sieben Kilometer flache Strasse! Ich riss mich zusammen und hielt mich an mein Zugpferd Joel. Ich klemmte mich dicht hinter ihn, um noch etwas vom Windschatten zu profitieren. Normalerweise hatten wir ja ein ähnliches Tempo; aber an dem heutigen Tag war alles anders. Auch Joel legte den Turbogang ein und legte ein beeindruckendes Tempo vor. Die sieben Kilometer fühlten sich wie 20 an und das Ziel wollte nicht näher kommen. Zu meinem grossen Glück blieb Joel bei mir und feuerte mich immer wieder an: „Come on, Anne-Mariiiiiiee!!!“ Ich spürte die Energie und aktivierte meine letzten Kraftreserven, um dann in einem irren Tempo auf die Zielgerade zu sprinten. Endlich waren auch die wohlbekannten Trommeln zu hören und vor uns tauchte eine Beifall-klatschende Menschenmenge auf. Zusammen mit Joel überquerte ich die Ziellinie und wir fielen uns freudestrahlend und überglücklich in die Arme.
Ich war so erleichtert, so glücklich, so überwältig von allem. Der Moment war so intensiv, ich konnte es gar nicht richtig glauben, dass ich das Rennen als erste Frau gewonnen hatte. Dass ich von Anfang bis zum Ende das gelbe Trikot verteidigt hatte und nun im Zielbereich bejubelt wurde war ein bisschen zu viel. Die Tränen liefen mir hemmungslos über das Gesicht und ich wusste überhaupt nicht wo, wie, wann, was…
Im Ziel gab es eiskalte Cola und frisch gebackene Pizza! Welch ein Luxus! Alle waren glücklich, zufrieden und strahlten über das ganze Gesicht. Ich habe nicht einen gesehen, der unzufrieden wirkte.
Nachdem der letzte Teilnehmer im Ziel angekommen war, machte auch ich mich auf den Weg ins Hotel. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht schlenderte ich durch die sandigen Gassen von San Pedro de Atacama. Im Hotel sprang ich sogleich in den Pool und genoss anschliessend den Moment, mich von der Sonne wieder trocknen zu lassen und einfach nur dort zu liegen. Danach folgte eine ausgiebige Dusche mit intensiver Körperpflege. Ich war ziemlich irritiert, als ich mir mit meiner normalen Zahnbürste die Zähne putzen wollte und plötzlich einen langen Stil in der Hand hatte. (Wer sich erinnern kann: um Gewicht zu sparen hatte ich sogar den Stil der Zahnbürste abgeschnitten!). Alles fühlte sich wie ein grosser Luxus an: Badetücher, fliessendes Wasser, ausreichendes WC Papier und diese fantastische Lippenpflegebutter.
Gegen Nachmittag haben wir uns dann alle in einem Hotel am Pool getroffen und auf unsere Leistung mit einem kühlen Bier angestossen. Bis zum Abend haben wir die Zeit mit Nichtstun, essen und trinken und erzählen verbracht. Um 19:30 Uhr wurden wir vom Veranstalter zum grossen Bankettdinner geladen und wir labten uns am vorzüglichen Büfett. Die Stimmung war sehr ausgelassen und es wurde viel gelacht und Anekdoten erzählt. Bei der Siegerehrung mussten die Erstplatzierten eine Rede halten und wir bekamen einen silbernen Teller als Preis verliehen. Mein erster Satz war: „Wow, that`s like Wimbledon!“
Der Abend endete gegen Morgen und alle waren happy  und zufrieden.
Atacamacrossing 2012: Ein eindrückliches Erlebnis mit Höhen und Tiefen. Mit tollen Momenten und schönen Erinnerungen. Mit interessanten Menschen und lustigen Geschichten, die sich in meine Erinnerung gebrannt haben. Danke.
Ich freue mich auf die Wüste Gobi. Aber die erste Wüste ist und bleibt die erste Wüste!
Mein Musiktipp:
http://www.youtube.com/watch?v=o1tj2zJ2Wvg&ob=av2e 

Video vom Zieleinlauf:


Joel und ich


Die Zeltgang

2kg Süssigkeiten...

Siegesposen mit Roberto

"Its like Wimbledon!"



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